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Zivilisierung der Gefühle

Aus der Supervision: - Zwei Missverständnisse -
Frau A
übt sich fleißig darin, bei Differenzen ihre Gefühle zu „verbalisieren“. Sie ringt um die passenden Worte, die dem anderen vermitteln sollen, was in ihr vorgeht.
Frau B
zeigt und lebt „ungeniert“ ihre Gefühle aus. Sie verfügt über ein breites Spektrum, diese „Macht“ in die Auseinandersetzung einzubringen.
Frau A
ist umfassend professionell sozialisiert. Sie kommt gar nicht auf die Idee, etwas in ihr nicht benennen zu wollen. „Es“ einfach raus zu lassen ist ihr – durch mühsame Arbeit – in die verbotene Ecke gerutscht.
Frau B
dagegen sagt: „So bin ich eben“. Dennoch ist sie verzweifelt, dass die Umwelt sie nicht so „authentisch“ annehmen will, wie sie ist. Sie habe ein Recht darauf.

Diese Einseitigkeiten in dem Versuch hoffähiger Selbstpräsentation (sprich: professioneller) sind m.E. mächtigen Zeitströmen geschuldet, die in die Individuen wanderten, sie prägten und - einschränken.
Dabei ist es kein Problem, wenn „Ungleichzeitigkeiten“ auftreten, wenn also noch Modelle aus vergangener Zeit in der heutigen überleben. Das ändert an der gegenwärtigen Hauptströmung kaum etwas, schafft aber Probleme miteinander und einander Verstehen ist nur schwer zu erreichen.
• Zeitstrom „7oer Jahre“:
politisch starke soziale Bewegungen, die kollektive Befreiung einforderten.
„Psychoszene“: „machtvolle“, endlose Urschrei- und Encountermarathons, Hochzeit des gestalttherapeutischen „Fühlens“ mit dem befreiten Individuum vor Augen.
• Zeitstrom „Neues Jahrhundert“:
„aufgelöste“, orientierungslose, verunsicherte Einzelwesen(die „Wahrheit“ - und damit  Orientierung - ist ihnen abhanden gekommen). "Leuchttürme" in Form von Rankings, Best Practices, ISO usw. werden zur Orientierung (sprich Nacheifern) den Institutionen, wie auch Einzelkämpfern vorgegeben.
„Psychoszene“ und Fortbildungsszene(!): Familien- etc-„Aufstellungen“ weisen den Weg. Systemisches Denken liefert das gängige „Framing“, Selbstvermarktungswissen wird trainiert und gewaltfreie Mediationsregeln werden gelernt und verinnerlicht.

Warum kann nicht wirklich gelernt werden (d.h. Integration von Vergangenheit und Gegenwart)? Warum fällt es nur so schwer zu lernen? („Das ist aber schwierig, Herr Albers“, wird mir in der Beratung typischerweise entgegnet). Warum kann anscheinend nur, unhistorisch und bewusstlos, von einem Extrem unvermittelt ins andere gesprungen werden?