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Nicht entscheiden können

– zwei mögliche Hintergründe -

1. Eine HEMMUNG,
hinter der Schuld- und Schamgefühle stehen, verhindert das Entscheiden.
Eigenständigkeit erscheint unter dieser Perspektive als Hybris, ja als unzulässige Anmaßung. Und sie würde automatisch bedrohliche Rivalität ins Spiel bringen. Sich (ehrlich) zeigen und profilieren, ist eigentlich „verboten“. So viel Verantwortung für eine derartige Verbots-Übertretung wäre nicht auszuhalten. Da erscheinen Nichtentscheidung und „Zurückhaltung“ als beste Tarnung und Schonung vor den erwarteten Vorwürfen und Entlarvungen.

2. Bestehende, überhöhte VOLLKOMMENHEITS-ANSPRÜCHE 
würden durch eine getroffene Entscheidung ggf. endgültig desillusioniert.
Das fortgesetzte Anstreben der Vollkommenheit wäre, angesichts der Begrenztheit (von Raum, Zeit, Talent, Kraft), zum offensichtlichen Scheitern verurteilt. Das zuzugeben wäre schwer zu ertragen.
Wenn dann auch nicht mehr die verweigernde Rebellion (als „Aggression“, Trotz oder Abwertung) gegen diese kränkende Tatsache gewählt werden kann, dann treten als Gegenantwort schnell Resignation und Lähmung an deren Stelle. Letzteres kann sich auch in Form z.B. eines quälenden Dauer-Hin-und-Hers zeigen. Immer noch besser, als die Entlarvung des Vollkommenheitsdiktats - so die unbewußte Logik.

Dieser lähmende Zustand des Nicht-Entscheiden-Könnens trifft Personen besonders, die eine geringe „Ambiguitätstoleranz“ haben, die Gefühlswiderstreit und -ambivalenz eigentlich schlecht aushalten und dann häufig zur Sicherheit – quasi in der Flucht nach vorn - vehement Eindeutigkeit herstellen. (Koste es, was wolle). Diese scheinbare Entscheidungskraft „Raus aus der Lähmung! “ ist dann aus der Not geboren.
Die ersehnten, eigentlichen Werte und Strebungen sind
- Vertrautheit, Symmetrie, Harmonie,
- Bestimmtheit und Regelung, klare Verhältnisse, Strukturiertheit,
- Lösung, Klärung, Festlegung.
Sie stehen hinter diesem Durchbruchsverhalten.
Das unfeste „Spiel“, andauernde Mehrdeutigkeit, der Zweifel und der „Nebel“ überhaupt vertragen sich damit gar nicht. Diese „Zustände“ sind aber für eine offene Entscheidungssituation charakteristisch.

Jene Personen, denen das Hin-und-Her seit Jahren vertraut ist, vermeiden zumeist auch diesen gewaltsamen Durchbruch.  Sie verharren  und beglücken ihre Umgebung dagegen lieber weiter mit ihrem Lamentier- und  Jammer-Zustand. Denn er erscheint ihnen immer noch aushaltbarer, als eine „falsche Entscheidung“.