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Die allseitige Kunden-Manie

Wie über einen Begriff die Verbetriebswirtschaftlichung sämtlicher Bereiche geebnet werden sollte und soll.
Seinen Siegeszug trat er in der Absicht an, zu einer Nivellierung zu führen, um ein einziges Prinzip (zentral für den Neoliberalismus)zur Vorherrschaft zu führen: Das Verkäufer-Kunde-Verhältnis. Dieses Marktverhältnis, soll überall(es) herrschen. Durch diese neue, abstruse Bezeichnung von Gästen, Insassen usw. als Kunden wird die Trennschärfe der ersetzten unterschiedlichen Begriffe aufgegeben. Doch dieser Verlust wird problemlos in Kauf genommen, denn es geht eben nicht um die genaue Benennung, sondern um eine „begriffliche Gleichschaltung“, die die allseitige Ausbreitung von Marktverhältnissen(mehr Markt, weniger Staat) erleichtert. Diese „Wortverschiebung“ protegiert die Berechenbarmachung von Prozessen und Verkaufbarkeit von ganz „neuen Produkten“.

„Die Kunden in meinem Lokal sind alle zufrieden“, sagte der Wirt.
„Unsere Kunden in der betreuten Wohngemeinschaft zeichnen sich durch hohe Eigenständigkeit aus“, hob der Sozialpädagoge hervor.
Der neue Kunde auf der Station B bräuchte absolute Bettruhe, meinte der Arzt.
Der Rechtsanwalt hielt ein überzeugendes Plädoyer und stellte sich klug vor seinen Kunden.
Die Therapeutin fühlte sich in ihren Kunden gut ein, ließ sich aber auch entsprechend bezahlen.
Die Kunden des Museums wünschten sich einen Lotsen durch die vielen Räume.
„Unsere kleinen Kunden kommen zur Hälfte aus bildungsfernen Elternhäusern“, sagte der Schulleiter.
„Einige unserer betagten Kunden im Altenheim brauchen morgens häufig eine Sonderbetreuung“, mahnte die Heimleiterin.
„Etliche Kunden sind schon häufiger mit der Polizei konfrontiert gewesen . Wir haben ein besonderes Auge auf sie geworfen“, sagte der Leiter des Gefängnisses.
Unsere männlichen Kunden werden immer aufdringlicher und haben kaum noch Respekt  vor der Polizei.

Die umstrukturierte städtische Verkehrsgesellschaft setzte neue Schnellbusse ein, der Busfahrer forderte seinen Kunden durch forsches Abbremsen einiges ab.

 

Der Taxifahrer fragt seinen Kunden, wo er hin wolle.
Das Flugzeug musste wegen der Witterung noch enteist werden, bevor die Kunden es betreten konnten.
Manche Vereine ziehen bei ihren Kunden die Beiträge jährlich in bar ein.
Die Damen rechneten mit ihren Kunden vorher ab.
In der Demokratie braucht es viele Kunden, die den Mund aufmachen.
Die Kunden beim Jobcenter sind und werden eingeschüchtert, denn sie müssen „mitspielen“.

 
Interessant, wo wir noch stolpern und wo wir den „Neusprech“ bereits „inkorporiert“ haben.
Durch „neue“ Vokabeln (hier als Beispiel „Kunde“) wird Politik gemacht, deshalb ist ein naiv-sprachanalytischer Blick auch häufig entlarvend. Kunde und Produkt nennen „wir“ heute Dinge, die vor bspw.15 Jahren nur mit einem Lachausbruch oder Kopfschütteln quittiert worden wären. Heute lacht niemand mehr, sondern jeder ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass sein  "Produkt"( und sei er es selbst) auch „von Kunden nachgefragt“ wird.