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Mediation und die Vergangenheit

Aus einer Korrespondenz:
Sehr geehrter Herr Mediator X,
wie Sie schreiben, versuchen Sie, in Ihrer Mediation „die zu Grunde liegenden Streitigkeiten/Missverständnisse etc. "aufzudröseln" und genau zu sehen, wie und warum diese entstanden sind.“
Ich stimme Ihnen zu, dass die Informationsbeschaffung für den Mediator sehr wichtig ist, doch er ist nur ein weiterer Part im neuen Spiel, soll heißen „er“ ist ein weiterer Versuch, den Konflikt zu lösen. Natürlich sollte er sich dieses Wissen verschaffen, doch wichtiger sind nach meiner Meinung die Kontrahenten. Was passiert mit ihnen bei der Erörterung dieses Vergangenheitsthemas!? Es ist mehr als Informationssammlung, was Sie da tun.
„Aufdröseln“ klingt in meinen Ohren schon gut, aber wenn dann die Verletzung, das Übervorteilungsgefühl, „uneingelöste Rechnungen“ wieder „hochkommen“, weil eben noch nichts wirklich „ausgeglichen“ wurde, dann kann Mediation dafür nicht mehr zuständig sein. Sie muss diese „subjektiven, verscharrten Reste“ beiseite und liegen lassen.
Mediation ist vom Ansatz her auf die Zukunft orientiert. (Bitte um Korrektur, wenn ich mich da täusche.) Ganz anders als z.B. die Psychoanalyse, die die vertiefte Vergangenheitsbetrachtung für die Gegenwart nutzbar machen will.
Selbstverständlich kann man Streitfälle nicht ohne Betrachtung der Entstehensgeschichte angehen. Doch in der Praxis entscheidet der Zeitrahmen, die Geduld und das Interesse daran, wie es zu dem Zwist kam, darüber, ob sich wirklich Ruhe einstellen kann.
Ich meine, dafür ist Mediation nicht geeignet und auch nicht vorgesehen. (Sonst müssten die Ausbildungen anders aussehen).
Mediation ist kein Setting, dass dem „Warum“, dem „Woher“ soviel Platz einräumt, dass durch diese „Aufarbeitung“ ein „Ach so“ und auch ein „Deshalb“ gewonnen wird, welches dann den Lösungsweg wesentlich mitbestimmt. 
Durch die enge Verkettung der Methode mit der (win-win-) Lösung, d.h. mit den nächsten Zukunftsschritten, bricht sie den Gesamtzusammenhang von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft auf. Sie baut sehr darauf, dass (andere) Zukunft machbar sei. Die beiden „Streithähne“ wollen/sollen/müssen von der Fortsetzung ihres Zwistes ablassen – dazu ist man ja zusammen gekommen.
Der Aspekt, dass positive Zukunft auf gut verarbeiteter Vergangenheit aufbauen muss, wird (m.E. zu) gering geschätzt und dagegen umso mehr von der anderen Wahrheit ausgegangen, dass eine bewusst und gut gestaltete Gegenwart die Zukunftsmöglichkeiten formt ( daher auch die zentrale Rolle der Mediationsregeln) .

Da sie nicht nach Schuld und Verantwortung für Vergangenes sucht, kann auch durch dieses Verfahren das menschliche Sühnebedürfnis nicht befriedigt werden. Oder anders ausgedrückt, es gibt keine Wiedergutmachung. Denn die Mediation - entsprechend ihrem Selbstverständnis - suchte und fand ja keinen „Täter“.
Das Verfahren hilft am ehesten dort, wo man schon auf beiden Seiten nur noch pragmatisch orientiert ist sowie wirklich bereit und in der Lage zum „Schwammdrüber“ ist.
Das kann manchmal gut und praktikabel sein, doch „häufig“ reicht das eben nicht zur berühmten „Nachhaltigkeit“. Auch nicht, wenn die Beteiligten – aus ihrem fortgesetzten Leiden an dem festgefahrenen Konflikt heraus - das wollen möchten.
Mit freundlichen Grüßen, karl-heinz albers