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Du Opfer!

Beitrag zur Verhärtung der Gesellschaft - von zwei Seiten.
Aus zwei Ecken wird gegenwärtig – ganz unterschiedlich, aber doch - gegen vermeintliche oder reale Opfer agiert. Einmal plump und aggressiv und das andere Mal sophisticated und versteckt.
Aus bestimmten jugendlichen Szenen heraus wird diskriminierend, abwertend das Opfersein ohne Hemmung gehänselt und stigmatisiert.
Aber auch aus einer Szene, die beruflich mit psychologischem Wissen arbeitet (Coaches, Trainer, Therapeuten, Mediatoren usw.), - sofern sie systemisch orientiert sind - finden wir eifrige Bekämpfer einer sogenannten „Opfermentalität“ und der angeblichen Jämmerlichkeit. Unter dem Schlagwort „Raus aus der Komfortzone“ wird munter für "das Licht" gefochten.

Ich will hier nur den Schauplatz dieser zweiten Ecke betrachten.
Aus dieser Warte gibt es kein klares Opfer, sondern immer wenigsten Beteiligte , die alle in vielfacher Form an der Leid generierenden Dynamik mitmischen, bis hin zum mächtigen Schmetterlingsflügelschlag am anderen Ende der Welt. In dieser Sicht geht es also nicht darum, den Verantwortlichen, geschweige denn Schuldigen, zu suchen. Es wird vermieden, Opfer und Täter zu unterscheiden. (Ist ja auch schwer bei so vielen Wahrheiten, die es angeblich gibt.)

Was passiert nun, wenn ein erklärtes, naiv jammendes Opfer griesgrämig durch die Welt schlendert und den Weg kreuzt?

Die typische Bewegungsrichtung ist vorgezeichnet: Es wird immer - mehr oder weniger forsch - nach dem Eigenanteil des “nervenden Opfers“ gesucht. (= Minderung des Opferseins, z.B. in  Mobbingberatung)
Diese Vorgehensweise schaut auf die eigenen Veränderungspotenziale des „Jammerers“(die Kollegen würden es wohl ohne Anführungsstriche schreiben) und will nach vorn schauen. Dabei haben Trauer, Verzweiflung und Verlust, Wut nicht wirklich eine Chance. Das sind Worte aus rückwärtsgewandter Perspektive.
Viele Menschen bleiben also zurück ohne ausreichenden, gebührenden Trost, ohne wirkliches Bedauern und Mitgefühl gespürt zu  haben. (Sie werden weiter jammern und danach suchen)
Ganz ungemütlich wird es für diese Helferkollegen, wenn der „Jammerer“ immer wieder Ursachen aus der Vergangenheit bemüht, um seinen bedauernswerten Zustand erklären/rechfertigen zu können. Ursachen sind schwer zu identifizieren und interessieren nicht. Die Erfolgsprüfkriterien dieser zukunftsbesessenen, professionellen Interventionen lautet: wurde der “Kunde“ durch das „Coaching“ in bestimmter Zeit wieder „reaktiviert“ ? Gelang das nicht, so gilt die professionelle Bemühung als mißlungen. (Leider passt wohl auch die Salutogenese sehr gut in diesen Topf)

Also von beiden Seiten, „den“ Jugendlichen, die sich auch nicht aufhalten lassen wollen, und systemisch zu sehr infizierten Helfern (ich kenne viele, gebe aber zu, dass „der Markt“ nach dieser Einseitigkeit ruft ) wird das Opfersein in ein negatives Licht gestellt. Obzwar es wohl unbestreitbar zum Menschsein hinzu gehört, Opfersein bleibt des Teufels, es muss bekämpft und ignoriert werden.
Wir alle müssen Helden sein, wollen kein Opfer (hilflos) sein.
Wir alle können etwas tun. (Tu es gefälligst!)
Dieses „positive“ Zukunftsbild verwechselt Lebenszugewandtheit mit letztlich Todesleugnung, es wird den Menschen, dem Menschsein nicht gerecht.