· 

Die guten Dinge des Lebens


Die guten Dinge des Lebens   (von Eva Strittmatter)

Die guten Dinge des Lebens sind alle kostenlos:
Die Luft, das Wasser, die Liebe.

Das galt wohl eher noch vor 1977, dem Entstehungsjahr dieser Zeilen.
Aber heute, vierzig Jahre später? Ist die gute(!) Luft wirklich noch „kostenlos“ zu haben?
Und das Wasser - kann die Privatisierung, d.h. seine Kommerzialisierung aufgehalten werden?
Und erst die Liebe - oft gelingt sie nicht mehr. Tausch- und Kaufverhältnisse, das egoistische Nutzenkalkül machen sich auch in ihr breit. Das Dienstleistungsangebot „Liebemachen“ von „Sexarbeiterinnen“ wird normalisiert.

Wie machen wir das bloß, das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?

Wer macht das bloß in Zeiten des Marktradikalismus? Wer macht es, dass immer mehr käuflich erscheint und immer mehr nur noch kaufend – eben mit Geld - zu erreichen ist.

Das kommt vom frühen Erkalten.
Ja, das kommt auch vom Erkalten: vom Ableben des Solidaritätsgedankens, von der Oberhand des ökonomischen Denkens, vom erbarmungslosen Wettbewerb, vom Elite- und Leistungsträgerdenken, vom Eigenverantwortungsgesäusel usw. usf.

Doch um die Lyrik von Frau Strittmatter nicht nur zu zerpflücken und um ihren richtigen Sinn, trotz obiger Einwürfe, wirken zu lassen, jetzt noch einmal der vollständige Text:

Werte

von Eva Strittmatter
Die guten Dinge des Lebens sind alle kostenlos:
Die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß, das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?

Dass kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte und das Wasser als Lebensgewinn,
und die Liebe, die unbegehrte, nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig und atmen Zeit mit ein,
wir leben eilig und wichtig und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen wir eine Pflicht und Last.

Und das Leben kommt dem zu teuer, der es zu billig auffasst…