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Marathonlauf in der Großstadt – Impressionen

An mir  - auf dem Bürgersteig stehend - huschen vorbei:
ernste Gesichter, verbissene Gesichter, konzentrierte, entschlossene Haltung ausstrahlende Sportlertypen, sichtbar gut Trainierte, Tunnelblicke, lockere Kontakt aufnehmende Läufer, wie auch verschmitzte und ernste Aufmunterung annehmende.
Frauen wie Männer, junge und alte , dicke und dünne (darunter  auch Schwarze, Farbige, viele „persons of colour“ oder so (okay?) aus unterschiedlichsten Ländern).
Nach einer Stunde, es regnet mittlerweile dauernd:
Der Strom der Läuferinnen hat sich etwas gelichtet, es wird individueller:
Jetzt mehr gequälte Gesichter, verbissen mit sich Kämpfende, Aufmunterung ignorierende, da mit Luftmangel ringend. Erbarmungswürdige, aber von außen unerreichbare Gestalten. Sportliche wie unsportliche Körper, die kämpfen und kämpfen. Ich habe Mitleid mit ihnen, die meisten aber nicht mit sich - wie meine mißlingenden Kontaktaufnahmen zeigten.

Was läuft hier ab? Wer oder was läuft da an mir vorbei?
Sitzen sie tagsüber an ihrem PC und brauchen jetzt die körperlicher Ertüchtigung und das Messen, ob sie schon tot sind?
Oder arbeiten sie tagsüber auch so verbissen, so zielfixiert und endlos, dass sie ihr Nicht-Aufgeben-Dürfen als alternativlos sich und der Welt auch in der Freizeit beweisen müssen. (Dabei wäre das Aufgeben des sich  Verrennens doch der erste Rettungsschritt, denke ich.)
Muss man (unsereins) Angst haben vor dieser - öffentlich gezeigten - Unerbittlichkeit?
Sind das die Leistungsträger der Wirtschaft? Nein, da sind auch viele „Normalbezahlte“ dabei. Das sehe ich. Mendelt sich so trotzdem mal wieder heraus, wer dazu gehören darf und wer schon gar nicht? (Leistungsfähige, Leistungsbereite, Leistungsversager, Leistungsverweigerer...)
 
Am Straßenrand: Happening, gute Laune , immer wieder Live-Musik und Anfeuerungsrufe, Humor, spürbare Solidarität (Identifikation?) mit den sich Quälenden, aber doch klare Schutz-Trennung, wer läuft und wer nicht .
Vor den Bistros am Straßenrand: Der Stuhl, der Döner auf dem Teller, den Bierkrug vor dem „kleinen Bauch“ festhaltend, sich angeregt unterhalten, genießen.
Ist das eine gute „Arbeitsteilung“ zwischen uns Menschen?

Unterstützende, sehr ausführliche Übertragung in Radio und Fernsehen.
Die Stadt ist in ihrem Verkehrsfluss stark gestört. Die Autofahrer meckern und hupen ob dieser Behinderung ihrer freien Fahrt wie eh, die Polizei ist freundlich, aber stoisch. Dieses weitere „Volksfest“ gehört in die selbstverständliche Eventliste, die das Image der „Weltstadt“ stärken soll.
Wo liegen die Unterschiede zu einer Demo gegen Klimaerwärmung (10 Tage vorher), Demo gegen Mietwucher, Demo für Entgeignung von Miethaien?
 
Trifft man diese – die vorne laufenden - drahtigen Läufer, dort alle wieder?
Jubeln die vielen Zuschauer? Sind überhaupt welche da? Wo stecken sie?
Wird die (notwendige) Differenz zwischen „weiterem“ Volksfest und verbissenem Polit-Militarismus gefunden?
Berichten die Medien ausführlich und unvoreingenommen?