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Sie haben sich gar nicht geändert

"Oh!", sagte Herr K., und erbleichte.(B. Brecht)

Neulich traf ich eine ehemalige Freundin wieder, die ich seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Du hast dich aber gar nicht verändert.“ - „Doch, man sieht dir die Jahre an.“ und „Du reagierst jetzt ganz anders als damals.“ Innerhalb dieses Spektrums schwankten die Stellungnahmen zu mir.
Mir ging es da wie dem Herrn Keuner von B Brecht: Worüber soll ich mich freuen?
Damals mochte sie mich, wie ich war. Damals ginge es letztlich auch schief, weil ich so war.
Heute mag man mich, weil ich noch so bin oder weil ich mich (endlich) geändert habe.
Ich bin reifer geworden, denke ich. Heißt das, „nicht mehr so radikal und widerständig“?

 

Ich merke, ich bin nicht mehr so engagiert. Riskiere nicht mehr so viel. 
Spürbar ist: mich holt weniger hinterm Ofen hervor. Wie schade! Oder ist das die Reife?
Soll das das „ Ziel“ gewesen sein?

Wer bin ich eigentlich? Der von gestern oder eher der von heute? Kann man sich so sehr verändern, dass man wer anderes wird?
Bin ich der, den man heute noch wieder erkennen kann?  Oder habe ich kaum noch etwas mit „dem“ zu tun?

 

 

Wer werde ich  in meiner neuen Umgebung, durch meine neue Tätigkeit? Habe ich meine Vergangenheit

froh hinter mir gelassen, bin ich also „eigentlich“ der, der viel Neues integrieren konnte? Oder sind meine

Kanten gut abgeschliffen, so das ich nur nicht mehr so häufig anecke und mein „Wahres“ konstant ist und verborgen bleibt?

Ich arbeite in einem Berufsfeld, in dem man davon ausgehen muss, das Menschen sich „ausreichend“ ändern können.
Was heißt aber ausreichend?
Ich glaube, man kann sich ändern im Verhalten, in der Haltung auch (Da sind die Lebenswege einiger 68er erhellend). Manchmal reicht das – in einer sich rasant ändernden Umwelt. Manchmal aber auch nicht. Da kämpft man dann ein Leben lang mit „sich“ und immer derselben Last aus der Vergangenheit, die einen nicht springen lässt. Da sind unfreiwillig die Kontinuität und Wiederholung gesichert.  So bleibt eine wirkliche Veränderung in weiter Ferne. Und auch die voranschreitende, heilende Zeit bringt keine wirkliche Befreiung.
Es gibt aber auch „Päckchen“(Haltungen) aus der Vergangenheit, die zu bewahren und schützen sich lohnt. Hier wäre es schön, wenn der andere dann sagte „Also, da hast du dich gar nicht geändert.“